Kantonale Notfallpsychiatrie unter Druck
Die kantonale Notfallpsychiatrie wird immer stärker beansprucht. Diese Zunahme zeigt sich nicht nur in einer steigenden Zahl von Konsultationen: Sie erhöht auch den Druck auf die gesamte psychiatrische Versorgungskette.
Die Gründe, weshalb Menschen die psychiatrische Notaufnahme aufsuchen, sind vielfältig. Eine Krise kann durch ein akutes Ereignis wie eine Trennung oder einen Konflikt ausgelöst werden, aber auch aus einer Häufung von Belastungen entstehen: Trauer, Verluste, soziale Isolation oder starke Ängste. In solchen Momenten reichen die gewohnten persönlichen Ressourcen nicht mehr aus, um die Situation zu bewältigen.
Psychiatrische Notfälle erfordern einen anderen Ansatz
Ein psychiatrischer Notfall wird nicht nach denselben Grundsätzen behandelt wie ein somatischer Notfall. Bei der klinischen Beurteilung spielen insbesondere die Art und Weise, wie die betroffene Person empfangen wird, das Zuhören und die Zeit, die dem Verständnis ihrer Situation gewidmet wird, eine wichtige Rolle. Erst danach wird das weitere Vorgehen festgelegt. Nur etwa 15 % der Personen, die die psychiatrische Notaufnahme aufsuchen, werden im Anschluss stationär aufgenommen. Den übrigen Personen bietet das FNPG, sofern ihr klinischer Zustand dies zulässt, eine ambulante Krisenintervention mit mehreren zeitnah aufeinanderfolgenden Konsultationen an. Ziel ist es, die psychische Belastung zu verringern, die Situation zu stabilisieren und die weitere Behandlung vorzubereiten. Anschliessend kann eine Weiterweisung an andere Einrichtungen oder an niedergelassene Psychologinnen und Psychologen bzw. Psychiaterinnen und Psychiater organisiert werden. Dieses Zusammenspiel von Notfallkonsultation und ambulanter Krisenintervention trägt wesentlich dazu bei, stationäre Aufnahmen zu vermeiden. Sie hängt jedoch unmittelbar von den verfügbaren Ressourcen ab.
Eine Zunahme, die das gesamte Versorgungssystem belastet
Steigt die Zahl der Notfallkonsultationen, stehen weniger Kapazitäten für ambulante Kriseninterventionen zur Verfügung. Gerade diese können jedoch dazu beitragen, stationäre Aufnahmen zu vermeiden. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen Versorgungsebenen: Weniger Zeit für ambulante Kriseninterventionen kann mehr stationäre Aufnahmen zur Folge haben, obwohl die stationären Kapazitäten bereits stark beansprucht sind. Notaufnahme und stationäre Versorgung bilden somit ein voneinander abhängiges System. Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, reicht es daher nicht aus, lediglich die Kapazitäten der Notaufnahme auszubauen. Es braucht auch Überlegungen dazu, wie Angebote vor und nach einer Notfallkonsultation weiterentwickelt werden können.
Menschen in Krisensituationen vor Ort erreichen
Ein möglicher Ansatz besteht darin, mit einem mobilen psychiatrischen Notfall- und Krisenteam direkt im Lebensumfeld der betroffenen Person zu intervenieren. Ziel ist es, eine Person in einer Krisensituation zu Hause aufzusuchen, ihren psychischen Zustand vor Ort zu beurteilen und die notwendigen Behandlungsmassnahmen festzulegen. Für bestimmte psychiatrische Situationen könnte beispielsweise eine Behandlung zu Hause infrage kommen und so die stationäre Versorgung und die psychiatrische Notaufnahme entlasten. Eine solche Lösung würde dazu beitragen, deren Kapazitäten für Situationen freizuhalten, die eine sofortige Intervention erfordern. Ziel wäre also nicht, die psychiatrische Notaufnahme zu ersetzen, sondern das bestehende Angebot zu ergänzen. Das mobile Team würde eng mit der Notaufnahme und den anderen Akteuren des Versorgungsnetzes zusammenarbeiten. Je nach Situation könnte es eine einmalige Intervention durchführen, eine ambulante Krisenintervention organisieren oder die Weitervermittlung an eine geeignete Einrichtung erleichtern.
Ein bereits erprobter Ansatz
Solche Modelle gibt es in der Schweiz und in mehreren europäischen Ländern bereits. Sie sind je nach Gesundheitssystem anders ausgestaltet, das Grundprinzip ist jedoch dasselbe: möglichst nahe am Lebensumfeld der betroffenen Person zu intervenieren und eine auf die Intensität der Krise abgestimmte Versorgung anzubieten. Angesichts der steigenden Nachfrage sollte ein solcher Ansatz auch für Freiburg geprüft werden. Dabei geht es nicht mehr nur um die Frage, wie die psychiatrische Notaufnahme mehr Menschen aufnehmen kann, sondern auch darum, wie die richtige Versorgung am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt gewährleistet werden kann.